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Zwischenruf.

von Mathias Richel am

Aus aktuellem Anlass starten wir die Themenwoche “Sozialdemokratische Sicherheitspolitik” erst am Mittwoch, den 25. Juni.

Heute ein Zwischenruf von Mathias Richel.

“Unsere Antwort wird mehr Offenheit und mehr Demokratie sein. Wir lassen uns unsere offene Gesellschaft nicht kaputt machen.”
Jens Stoltenberg, norwegischer Ministerpräsident.

Noch immer stehen wir unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse, die sich am Freitag in Oslo und auf Utøya ereignet haben. Mindestens 76 Menschen* haben ihr Leben verloren, viele werden noch vermisst. 68 von ihnen waren Mitglieder der sozialdemokratischen, norwegischen Jugendorganisation AUF.

Ermordet und gezielt hingerichtet von einem ideologisch verblendeten Wahnsinnigen.

Die kruden Thesen des Anders Behring Breivik sind keine Meinung eines Einzelnen, sondern Common Sense in einer sich vor allem im Netz organisierenden Minderheit.
In zahlreichen Foren, auf Blogs und Boards treffen sich Menschen, die sich in einer gefährlichen Mischung aus Verschwörungstheorien, christlichen Fundamentalismus, Islamophobie und rassistischer Gesinnung ein eigenes Weltbild zeichnen, das in seiner radikalsten Form zu dieser Wahnsinnstat geführt hat.

Aber auch im gesellschaftlichen Mainstream finden sich Seitenarme dieser Ideologien,
die bis in die Tiefen unserer Gesellschaft greifen:

Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ trägt im Titel, was Breivik in seinem 1516-seitigen Manifest des Wahnsinns extremistisch untermauert. Was bei Sarrazin unter den Labels „Das wird man doch noch sagen dürfen!?“ und „Endlich sagt es mal einer!“ verkauft wurde, trägt auch einen Teil Breivik in sich und Breivik ein Teil von dem.

Nicht nur der feige Mordanschlag Breiviks, sondern auch diese menschenverachtenden Theorien sind direkte Angriffe auf die Idee eines geeinten, friedlichen Europas, auf offene Gesellschaften und auf Wertegemeinschaften, die sich aus Toleranz und Freiheit errichten.

Sie sind auch ein direkter Angriff auf Grundpfeiler der sozialdemokratischen Europapolitik. Sie stehen gegen alles, worauf Sozialdemokraten wie Willy Brandt, Olof Palme und Bruno Kreisky ihre Visionen für ein geeintes Europa begründeten.

Auch deshalb wurden diese unschuldigen jungen Menschen zum Ziel dieses Irren.

Unsere Antwort darf nicht Angst heißen. Unsere Antwort muss Mut bedeuten.
Wir müssen uns offen gegen die wenden, die ihr eigenes Leben über das anderer stellen. Wir müssen dafür werben, dass die Interpretation der europäischen Idee, nicht nur den Buchhaltern überlassen wird. Wir müssen die Vision von Europa mit Leben füllen, wir müssen Europa leben. Wir müssen Europa begreifen, als mehr als einen Staatenbund,
der nur aufgrund von Marktverpflichtungen miteinander kooperiert.

Europa ist muss die manifestierte Realität von Toleranz, Offenheit und Solidarität werden. Europa muss sich solidarisch mit den Verfolgten und Unterdrückten dieser Welt erklären und ihnen Zuflucht bieten. Europa muss den Pluralismus zum Wesen, ja zum Streben seiner Existenz erklären.

Europa ist nicht selbstverständlich, seine Ideen in unserer Gesellschaft noch nicht ausreichend gefestigt. Lasst uns aufstehen und dafür kämpfen! Wir dürfen nicht länger diejenigen in unserer Mitte dulden, die mit Angst und Terror versuchen, die Menschen zu verunsichern.

Für ein starkes, offenes, tolerantes und pluralistisches Europa!

In Gedenken an die 76 ermordeten Menschen.

*In der ersten Version dieses Textes musste man noch von einer Opferzahl von 93 Menschen ausgehen. Die Polizei hat diese Zahl mittlerweile auf 76 Menschen korrigiert.